Reinhold Messner zu Gast bei van der Ven

Beim 3. Insider-Treff im Februar 2014 mit rund 400 Gästen nahm der Extrembergsteiger, Abenteurer und Grenzgänger sein Publikum mit auf gefährliche Expeditionen.

Leben und Überleben in Extremsituationen, ob beim Durchqueren der Wüste, im ewigen Eis oder auf dem Dach der Welt – kaum jemand kann davon so authentisch und nachvollziehbar berichten wie Reinhold Messner. Am 12. Februar 2014 war er beim 3. Insider-Treff „Zu Gast bei van der Ven“. Thomas Gärtner, geschäftsführender Gesellschafter, betonte in seiner Begrüßung, dass mit Reinhold Messner eine Persönlichkeit zu Gast sei, die Außergewöhnliches geleistet hat und die zu seinen persönlichen Vorbildern zählt. Er wandte sich direkt an ihn: „Auch wenn wir Ihnen hier bedauerlicherweise keine alpine Landschaft bieten können. Und während Sie auf dem höchsten Gipfel der Erde standen, arbeiteten hier noch viele Menschen 1.000 Meter unter der Erde in den Zechen. Da trennten uns sogar rund 10.000 Höhenmeter.“ Und dennoch sei es der Erfahrungsschatz von Reinhold Messner, von dem alle Botschaften für sich selbst mitnehmen könnten. Gleichzeitig, so Thomas Gärtner, „machen wir von van der Ven diese Veranstaltung aus einem wichtigen Grund: Wir pflegen intensive Beziehungen zu unseren Kunden, wir dürfen bei Ihnen in die Praxen und in die Labors kommen, Sie lassen uns bei sich hinein und folgen unserer Beratung. All das halten wir nicht für selbstverständlich und bedanken uns mit dieser Veranstaltung von ganzem Herzen für Ihr Vertrauen.“ Dann übergab er das Wort an Reinhold Messner.

Unter dem Titel „Risikomanagement – bei Grenzgängen am Ende der Welt“ berichtete dieser längst nicht nur von seinen persönlichen Erfahrungen, sondern schlug vor rund 400 Gästen immer wieder den Bogen zu Erfahrungen, die im Rahmen historischer Expeditionen gesammelt wurden. Nicht nur die Geschichten selbst, sondern auch die Selbstverständlichkeit, mit der er das Meistern lebensgefährlicher Situationen schilderte, fesselte die Zuhörer. Dabei ging es ihm nicht darum, das Erlebte zu dramatisieren oder zu überhöhen. Im Gegenteil: Er verwies darauf, dass die Risiken und die lebensbedrohlichen Situationen zu seinen Expeditionen schlichtweg dazugehörten: „Wenn ich in die Berge gehe, weiß ich um Risiken. Die Kunst ist, die Risiken zu beherrschen. An der Eiger-Nordwand gehe ich bewusst in eine anarchische Situation. Dort gibt es keinen Gesetzgeber, der alles regelt. Die Verantwortung liegt komplett bei mir. Ich bin dort Gesetzgeber, Richter und handelnde Person. Und mir muss klar sein, dass ich, wenn ich einen Fehler mache, mein Todesurteil spreche.“

Kreativität und Konzentration

Das verdeutlichte er sogleich an einem Beispiel: 1938 versuchten sich parallel zwei Seilschaften an der Erstdurchsteigung der 1.800 Meter hohen Eiger-Nordwand, eine deutsch-österreichische Seilschaft mit Anderl Heckmair und Ludwig Vörg sowie die Österreicher Heinrich Harrer und Fritz Kasparek. Unter schlechten Wetterbedingungen und ständigen Lawinenabgängen gerieten beide Seilschaften in lebensgefährliche Situationen. Schließlich taten sich die Konkurrenten zusammen, und entschieden, gemeinsam die Durchsteigung trotz der widrigen Bedingungen anzutreten. Schließlich schafften sie es, „weil sie sich zusammengetan und so ihre Kreativität gebündelt haben“, betonte Reinhold Messner. Gleichzeitig, führte er aus, komme es darauf an, sich vollständig auf eine Situation einzulassen und alles andere zu vergessen. Er verwies dazu auf eine Situation in den Dolomiten, bei der er in einer 600 Meter hohen Steilwand eine Stelle erreicht hatte, an der es kein vor und zurück mehr gab: „Drumherum waren nur noch glatte Wände. Ich musste mich komplett auf das Klettern einlassen, mich voll auf meine Fähigkeiten konzentrieren und alles andere vollständig ausblenden. Das habe ich in alle meine Lebensphasen mitgenommen.“

Ängste und Zweifel überwinden

Auch die Gabe, Wagemut zu zeigen und Ängste zu überwinden, sei wichtig, um scheinbar hoffnungslose Situationen zu meistern. Dies machte Reinhold Messner am Beispiel der Erstbesteigung des Mount Everest deutlich. Unter der Leitung von John Hunt wurde 1953 eine Expedition unternommen, die rund 100 Meter unter dem Gipfel zu scheitern schien. Zwei Bergsteiger der Expedition hatten versucht, die letzte Felsstufe zu erklimmen, waren aber gescheitert. Im Lager wurde überlegt, ob es noch eine andere Möglichkeit für die Besteigung des Gipfel geben würde, aber Ideen blieben aus. „Dann hat Hunt nochmal gefragt, ob sich jemand den Aufstieg trauen würde – und erst dann meldete sich Edmund Hillary und am 29. Juni 1953 erreichte er mit Tenzing Norgay den Gipfel. Hillary hatte sich von Ängsten und Zweifeln nicht kleinkriegen lassen. Und er hatte sich mit Tenzing Norgay einen guten Helfer ausgesucht.“

Instinkt statt Verstand

Auch eines der dramatischsten Erlebnisse seines Bergsteigerlebens lässt Reinhold Messner nicht aus: Die Besteigung des 8.125 Meter hohen Nanga Parbat 1970, bei der sein Bruder Günther ums Leben kam. Sie hatten die Rupalwand, die höchste Steilwand der Erde, durchklettert, noch 1.000 Meter fehlten bis zum Gipfel. Reinhold Messner war allein vorausgeklettert, zunächst unbemerkt folgte ihm sein Bruder und holte ihn schließlich ein.

Sie müssen wissen, wenn Sie in der Todeszone unterwegs sind, lässt der eigene Wille nach, die Kräfte lassen nach.

Günther war geschwächt und zeigte Anzeichen der Höhenkrankheit. Gemeinsam suchten sie einen Weg nach unten. „Es wurde ein Marsch durch die Hölle“, berichtet Reinhold Messner. „Wir mussten biwakieren ohne Essen, ohne Ausrüstung. Wir hatten immer mehr Angst, den Weg zurück zur Basis nicht mehr zu finden oder von Lawinen getroffen zu werden. Ich musste immer wieder vorausgehen, um einen Weg zu finden.“ Schließlich suchte Reinhold Messner einen Weg, um ein Gletscherfeld zu umgehen. Als er seinen Bruder nachholen wollte, war dieser offensichtlich von einer Lawine mitgerissen und verschüttet worden. Erst nach sechs Tagen und mit schwersten Erfrierungen erreichte Reinhold Messner ein Dorf am Fuße des Nanga Parbat.

In solchen Extremsituationen entscheidet der Instinkt und der Wille zu überleben, der Verstand ist nicht in der Lage, solche Situationen zu meistern.

Als Beispiel dafür führte Reinhold Messner auch die Endurance-Expedition unter Leitung von Ernest Shackleton an, die 1914 startete. Ziel war es, den Südpol zu erreichen. Doch das Schiff, die Endurance, blieb frühzeitig im Packeis stecken. Monatelang driftete die Endurance durch das Packeis, bevor sie zerquetscht wurde und sank. Später trieb die Mannschaft auf Eisschollen weiter und schließlich erreichte die Expedition Elephant Island. Von dort aus unternahm Shackleton mit einer Handvoll Expeditionsteilnehmern eine abenteuerliche Rettungsexpedition, bei der er 1.500 Kilometer in einem winzigen Rettungsboot zurücklegte und schließlich noch die Insel Südgeorgien bergsteigerisch durchquerte. Während die Zurückgebliebenen sich schon fast aufgegeben hatten, war es dem Überlebenswillen von Ernest Shackleton zu verdanken, dass alle Männer die Expedition, die zwar gescheitert war, dennoch überlebten. „Wie er die Mannschaft zusammengehalten hat und wie er die Expedition und die Notsituationen gemanagt hat, verlangt höchsten Respekt“, so Reinhold Messner. Und daraus leitete er auch eine Lebensmaxime ab: „Ein gelingendes Leben hängt nicht von Erfolgen ab, ein gelingendes Leben hängt davon ab, dass das, was wir tun, uns erfüllt und zu uns passt. Ich werde nicht glücklich, indem ich dem Glück nachsteige. Mir wird hinterher klar, dass ich glücklich war. Deshalb geht es darum, mit Neugier voranzugehen und immer wieder neue Aufgaben zu finden. Dann ist es irrelevant, ob ich einen bestimmten Erfolg erzielt habe oder vorher gescheitert bin.“

Dritte Auflage des Insider-Treffs erneut voller Erfolg

Abschließend stand Reinhold Messner den Gästen von van der Ven noch für interessante Gespräche und einen Gedankenaustausch zu seinem Vortrag zur Verfügung. Seine spannenden Berichte und seine Erfahrungen waren auch beim anschließenden Get-together Thema an den Tischen im Foyer der Philharmonie Essen. Thomas Gärtner blickte schließlich auf einen gelungenen 3. Insider-Treff zurück: „Das war erneut ein faszinierender Insider-Treff. Ich hätte noch stundenlang zuhören können und ich glaube, unseren Gästen ging es genauso. Über so einen gelungenen und interessanten Abend kann man sich einfach nur freuen.“

Impressionen von der Veranstaltung


Vita

Der Extrembergsteiger, Abenteurer und Grenzgänger Reinhold Messner erreichte 1978 als erster Mensch ohne Sauerstoffgerät den Gipfel des Mount Everest, zwei Jahre später sogar im Alleinaufstieg. Als erster Mensch stand er auf den Gipfeln aller 14 Achttausender der Welt. Zu Fuß durchquerte er die Antarktis und die Wüste Gobi. In seinen Expeditionen folgt Reinhold Messner seinem eigenen Anspruch „by fair means“ und verzichtet auf technische Hilfsmittel.