Denis Scheck und Frank Schätzing zu Gast bei van der Ven

Beim Insider-Treff 2015 sprachen Kritiker Denis Scheck und der Autor Frank Schätzing über die deutsche Bücherlandschaft.

Über Literatur reden ist langweilig? Kein Stück! Rund 400 Gäste erlebten beim 4. Insider-Treff von van der Ven einen faszinierenden und fesselnden literarischen Abend. Eloquent wie kaum ein anderer streift Denis Scheck durch die Literatur: Sprachgewandt und hingebungsvoll stellt er in seiner Sendung „Druckfrisch“ literarische Entdeckungen vor, wütend seziert er literarische Katastrophen. Kultstatus genießt inzwischen sein Parforceritt durch die Bestsellerliste. Dabei trennt er auch optisch die Spreu vom Weizen: Was bei ihm als Literatur-TÜV durchfällt, landet in der Tonne. Mit seiner Sendung übernimmt er die Rolle des Steuermannes, der die Leser durch die mehr als 90.000 Neuerscheinungen jährlich lenkt. Begeistert hebt er dabei immer wieder literarische Schätze. Dass all das auch live funktioniert, bewies Denis Scheck am 25. März 2015 beim 4. Insider-Treff „Zu Gast bei van der Ven“. Und es kam noch besser: Denis Scheck hatte gleich noch einen von ihm geschätzten Autor für ein Interview mitgebracht, Starautor Frank Schätzing.

Thomas Gärtner, geschäftsführender Gesellschafter von van der Ven, bekannte in seiner Begrüßung auch gleich, dass er begeisterter Druckfrisch-Zuschauer ist. Gleichzeitig nutzte er die Gelegenheit, die Idee des Insider-Treffs zu erklären: „Kaufwege werden heute immer anonymer. Die Treue und die Verbindlichkeit, mit der viele Kunden uns verbunden sind, ist für uns vor diesem Hintergrund keine Selbstverständlichkeit. Der Insider-Treff ist unser Dankeschön für Ihre Treue gegenüber einem mittelständischen Familienunternehmen wie van der Ven.“ Damit machte er die Bühne frei für Denis Scheck und Frank Schätzing

Anleitung zur richtigen Buchwahl

Unter dem Titel „Vom Guten, Schönen, Wahren und vom Albernen? Überflüssigen? Und Banalen?“ machte er sich auf, ein wenig im Bücherdschungel aufzuräumen. Schließlich könne ja niemand die 90.000 Neuerscheinungen jedes Jahr noch lesen. Zunächst machte er einen Ausflug in sein „Doofel-Regal“: „Das ist bei uns Zuhause das Regal, in dem die Bücher landen, die meine Frau und ich für exemplarisch misslungen halten, um sie dann bei nächster Gelegenheit öffentlich zu zerreißen.“ Und da lies er sich nicht lange bitten. Erstes Beispiel: Oliver Kahn, „Nummer 1“. „Oliver Kahn hat mir auf dem Fußballplatz sehr gut gefallen“, aber dieses Buch müsse er zweifellos ohne Ghostwriter verfasst haben, weil es Sätze enthält wie diesen: „Die Trennung von meiner Frau hatte nichts mit ihrer Person zu tun.“ Ein Satz, der an Wirkung gewinne, je länger man ihn im Raum stehen lasse. Zweites Beispiel: Ruth Maria Kubitscheck, „Anmutig älter werden“. Süffisant liest er aus dem Kapitel „Körperwahrnehmung am Abend“ vor, wie die Schauspielerin abends jedem Körperteil und Organ für den guten Einsatz am Tage dankt. Seufzend resümiert er:

Bei einigen Büchern bin ich der Überzeugung, dass ich in Deutschland der Einzige bin, der sie zu Ende liest.

Anhand des Ratgebers „Outdoor – how to shit in the woods“ kommt er zu seiner ersten Warnung, und zwar vor Ratgebern, insbesondere solchen, die Lösungen für Probleme anbieten, die es ohne das Buch gar nicht gäbe. Seine zweite Warnung bezieht sich auf Bücher, deren Buchdeckel das Antlitz des Autors ziert: „Das ist meist ein deutlicher Hinweis darauf, dass sich der Autor seine Prominenz in anderen Feldern als der Literatur erworben hat“. Am deutlichsten warnt er jedoch vor der Bestsellerliste als Kompass im Feld der Literatur: „Wenn Sie sich überlegen, was in Deutschland eine der zehn meistverkauften Mahlzeiten ist – das wird vermutlich irgendein Autobahnraststättenmampf sein – dann wird das für Sie möglicherweise nicht als schmackhafte Mahlzeit gelten. Aber bei Bestsellern erwarten wir, dass es etwas Besseres ist. Dabei ist das nur der kleinste gemeinsame Nenner!“

Tipps von Deutschlands bekanntestem Bücherwurm

Welcher Kompass bleibt? Nun, einerseits die eigene Neugier, Bücher zu entdecken. Andererseits die Spürnase des Kritikers. Und Buchtipps hat er natürlich gleich eine ganze Reihe parat: Von Patrick Modiano, Literatur-Nobelpreisträger 2014, empfiehlt er das Erstlingswerk „Place de l’Etoile“: „Bei ihm finden zwischen den Buchdeckeln diejenigen eine Heimat, denen im Leben die Heimat genommen wurde.“ Ebenfalls auf seiner persönlichen Bestenliste: „Risiko“ von Steffen Kopetzky, ein Roman, in dem es um eine deutsche Expedition nach Afghanistan geht, die während des ersten Weltkrieges dort eine zweite Front gegen die Briten eröffnen sollte. „Geschrieben als Abenteuerroman – wem Lawrence von Arabien im Kino gefallen hat, der wird dieses Buch mögen.“ Aus der Sparte der anspruchsvollen Unterhaltungsliteratur empfiehlt er Jan Weiler, und Sibylle Berg ist für ihn diejenige, die als erste nach Thomas Bernhard die Hölle der Anderen treffend beschreibt. Zu seinen Favoriten gehört zudem Heinrich Steinfest, an dessen Werken er die skurrilen Drehungen und Wendungen der Geschichten schätzt. „Wenn ich aber keine Zeit habe, dicke Romane zu lesen, empfehle ich Lyrik. Das ist Kondensliteratur, die meinen Kopf mit sanften Schlägen in die Richtung lenkt, wo ich hinschauen soll.“ Ganz vorne für ihn: Der 80-jährige Romancier Jürgen Becker oder der deutlich jüngere Jan Wagner. Aber er liefert noch andere Schmankerl: Zum Beispiel „Anständig trinken“ von Kingsley Amis, „einem der großen Alkoholiker der Weltliteratur“ oder Richard McGuires „HIER“, Große Comickunst.

Bestseller, aber trotzdem gut

Dann bittet Denis Scheck Autor Frank Schätzing auf die Bühne, um mit ihm über seine Bücher zu sprechen. Und – wie aus seinen „Druckfrisch“-Interviews bekannt – schafft er es, binnen kürzester Zeit tief in die Bücher und ins Schreiben einzutauchen. So erzählt Frank Schätzing, dass er eigentlich sehr unbedarft ohne den Blick auf die Trennung zwischen ernster und unterhaltender Literatur losgeschrieben hat: „Ich mochte immer schon die amerikanische Literatur, Hollywood. In einem Buch muss es krachen, das muss Spaß machen. Und so mache ich es dann auch.“ Ein Ball, den Denis Scheck gerne aufnimmt: „Wenn ein Deutscher ‚Jurassic Park’ geschrieben hätte, hätten wir selbstreflektierende Saurier mit Kindheitstrauma und der Vorahnung des eigenen Aussterbens gehabt.“

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Denis Scheck im Gespräch mit Frank Schätzing (Foto: van der Ven/vE&K)

Dann entlockt Denis Scheck ihm auch die Geschichte, wie er auf die Idee zu seinem Roman „Der Schwarm“ gekommen ist. „Da bin ich um drei Uhr morgens ins Bett gegangen und hatte im Halbschlaf einen kurzen Traum, in dem ich auf einen imaginären Ozean hinabgeschaut habe, in dem Millionen Fische zusammenrückten und auf das Land zu schwammen. Mein Gedanke war: Die haben sich gegen die Menschen verschworen!“ Den kurzen Traum notierte er auf einem Zettel, der dann lange in einer Schublade verschwand – und viel später Grundlage des Buches wurde.

Woher er die unheimliche Fähigkeit habe, etwas zu schreiben, was kurz danach Realität wird, fragt Denis Scheck. „Wenn man das genau anguckt, habe ich vermutlich öfter nicht recht. Was ich aber spannend finde, sind Themen, die gerade ihren Lauf nehmen. In ‚Der Schwarm’ war es das Global Warming, die Vermüllung der Meere. Themen, die kurz danach tatsächlich zu großen Themen wurden.“ Schließlich schlägt Denis Scheck den Bogen zum neuen Buch „Breaking News“, in dem es um den Israel-Konflikt geht und in dem er die Historie der Auseinandersetzung romanhaft bearbeitet. Detailliert zeichnet er die Entstehung des Konfliktes nach. Schließlich liest Frank Schätzing noch eine Passage aus dem Buch, nämlich die, in der aus Arik Scheinermann Ariel Scharon wurde, der zugleich einer der Protagonisten des Romans ist.

Vierter Insider-Treff wieder großer Erfolg

Abschließend standen Denis Scheck und Frank Schätzing den Gästen von van der Ven für interessante Gespräche zur Verfügung. Die treffsicheren Rezensionen von Denis Scheck genauso wie die Romane von Frank Schätzing waren auch beim sich anschließenden Get together Themen an den Tischen im Foyer der Philharmonie Essen. Thomas Gärtner blickte schließlich auf einen gelungenen 4. Insider-Treff zurück: „Ich bin überzeugt, dass die Sendung ‚Druckfrisch’ heute eine große Fangemeinde dazugewonnen hat. Für mich war dieser literarische Abend mit hohem Unterhaltungswert mal ein ganz anderer Insider-Treff. Und morgen muss ich erst einmal mit einer Bestellliste bei Thomas Schmitz vorbeischauen.“ Thomas Schmitz betreibt in der Altstadt von Essen-Werden die Buchhandlung „Schmitz Buch“ – und sorgt seit jeher auch direkt während des Insider-Treffs für Lesefutter.

Impressionen der Veranstaltung

Hier die Buecherliste-van-der-Ven-Insidertreff


Vita

Denis Scheck, Jahrgang 1964, gilt als derzeit wichtigster Literaturkritiker in Deutschland. Bereits mit 13 Jahren (!) gründete er eine eigene Literaturzeitschrift, seit 1997 arbeitet er als Literaturredakteur beim Deutschlandfunk. Einem größeren Publikum wurde er jedoch erst als Moderator der Sendung „Druckfrisch“ bekannt, die seit 2003 von der ARD ausgestrahlt wird. Parallel ist er als Literaturagent, Übersetzer US-amerikanischer und britischer Autoren, Herausgeber und freier Kritiker tätig.

Frank Schätzing, Jahrgang 1957, war lange Zeit in der Werbung tätig und widmete sich seit Anfang der 1990er-Jahre zusätzlich dem Schreiben. Die ersten fünf Bücher des gebürtigen Kölners erschienen noch als „Köln-Krimis“. Der Durchbruch gelang ihm schließlich mit dem 2004 erschienenen Wissenschaftsthriller „Der Schwarm“, der inzwischen mehr als vier Millionen mal verkauft und in 27 Sprachen übersetzt wurde. Auch seine Romane „Limit“, erschienen 2009, und „Breaking News“, erschienen 2014, wurden Bestseller.